Philippe Oddo in der Börsen-Zeitung: „Wieder Eigentümer unserer Unternehmen werden“

ODDO BHF in der Presse
07.09.2026
4 Minutes

Frankfurt, 7. September 2026

Europas hohe Sparvermögen fließen bislang nur begrenzt in heimische Unternehmen. Mehr langfristiges Kapital könnte Innovation finanzieren und die wirtschaftliche Souveränität stärken.

„Ich habe immer gedacht, dass Europa in Krisen entstehen wird und dass es die Summe der Lösungen sein wird, die wir auf diese Krisen finden“, sagte Jean Monnet. Europa steht heute vor einer neuen existenziellen Herausforderung. Es kann sich nicht länger darauf beschränken, die außergewöhnliche Leistung des 20. Jahrhunderts zu bewahren: einen Raum des Friedens und des Wohlstands, entstanden aus den Trümmern des Krieges. Die Welt ordnet sich neu, und Europa muss Antworten entwickeln.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung erschüttert. Die USA richten ihre Politik zunehmend an eigenen Prioritäten aus und sind nicht mehr der berechenbare Partner vergangener Jahrzehnte. China verbindet Industriepolitik, Rohstoffzugang und technologische Stärke und setzt Europas Wettbewerbsfähigkeit unter Druck.

Europa kann darauf nicht mit Nostalgie reagieren. Rückstände bei Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, energie-, technologie- und finanzpolitische Abhängigkeiten sowie darüber hinaus die begrenzte Fähigkeit zur eigenständigen Verteidigung schränken seinen Handlungsspielraum ein und schwächen seine Souveränität.

Dabei verfügt Europa über enorme Stärken: 450 Millionen Einwohner, einen der größten Binnenmärkte der Welt, starke Industrieunternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und hohe private Sparvermögen. Die Berichte von Mario Draghi und Enrico Letta liefern dafür überzeugende Analysen und konkrete Handlungsvorschläge. Es gilt, Prioritäten zu setzen. Eine europäische Strategie der Stärke sollte auf drei Säulen beruhen: Innovation fördern, Sicherheit gewährleisten und Ersparnisse zugunsten unserer Unternehmen mobilisieren.

Innovation fördern

Innovation gehört zu den zentralen Herausforderungen Europas. Zahlreiche Initiativen haben wichtige Fortschritte ermöglicht. In Frankreich haben etwa die FCPI-Fonds, die Tibi-Initiative und Bpi-france die Innovationsfinanzierung gestärkt. In Deutschland zeigen UnternehmerTUM oder die „Exist Start-up Factories“, wie Innovationsförderung erfolgreich gelingen kann. Die nächste Aufgabe besteht darin, solche Instrumente stärker auf europäischer Ebene zu vernetzen.

Das Beispiel des Silicon Valley zeigt, wie erfolgreiche Innovationsförderung funktioniert. Fünf der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt stammen heute aus diesem amerikanischen Ökosystem, in dem Grundlagenforschung, öffentliche Finanzierung, Unternehmertum und Risikokapital einander verstärken. Für Europa besteht die Herausforderung darin, ein eigenes Innovationsökosystem von vergleichbarer Dynamik zu schaffen.

Die Voraussetzungen sind vorhanden. Mit Einrichtungen wie CNRS, INSERM, der Max-Planck- und der Fraunhofer-Gesellschaft verfügt Europa über eine weltweit anerkannte Forschungslandschaft. Ziel muss es sein, Forschung, Kapital und Unternehmertum enger zusammenzuführen und Innovationen vom Labor bis zur industriellen Skalierung zu begleiten.

Europa gibt für Verteidigung inzwischen deutlich mehr aus, als oft angenommen wird. Die Verteidigungsausgaben der EU-Mitgliedstaaten und des Vereinigten Königreichs werden 2026 voraussichtlich rund 470 Mrd. Euro erreichen. Das liegt unter dem Niveau der USA, aber deutlich über den Ausgaben Chinas. Deutschland spielt bei diesem Wandel eine zentrale Rolle. Die Antwort kann jedoch nicht in einer bloßen Summe nationaler Politiken bestehen. Europa muss seine strategischen Bedürfnisse gemeinsam definieren und eine industriepolitische Verteidigungsstrategie für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre entwickeln.

Planbarkeit ist dabei entscheidend. Unternehmen investieren nur dann in neue Produktionskapazitäten für Munition, Drohnen oder Luftverteidigungssysteme, wenn langfristige Perspektiven bestehen. Öffentliche Beschaffung muss deshalb zum Hebel für private Investitionen werden. Zugleich braucht Europa eine stärkere europäische Präferenz bei Verteidigungsaufträgen. Wo europäische Unternehmen leistungsfähig sind, sollten öffentliche Mittel möglichst der europäischen Industrie zugutekommen. Nicht um Märkte abzuschotten, sondern weil Verteidigungspolitik immer auch Industriepolitik ist.

Unsere Ersparnisse mobilisieren

Europa erlebt heute ein Paradox. US-Investoren entdecken europäische Firmen zunehmend als attraktive diversifizierende Anlage. Gleichzeitig wirft die starke Abhängigkeit von ausländischem Kapital Fragen der wirtschaftlichen Souveränität auf. Europa mangelt es nicht an Geld. Es mangelt an Kapital, das produktiv in Unternehmen investiert wird.

Die europäischen Haushalte verfügen über erhebliche Ersparnisse. Ein Großteil liegt jedoch in Einlagen oder Anlageformen mit geringer Unternehmensbeteiligung. Während in den USA rund 46% der Finanzvermögen von Haushalten in Aktien und Fonds investiert sind, liegt dieser Anteil in der Europäischen Union bei lediglich 16%. Die Differenz entspricht mehr als 13 Bill. Euro potenziellen Eigenkapitals für europäische Unternehmen.

Daher muss das Ziel klar sein: Europäer sollen wieder Eigentümer ihrer Unternehmen werden. Dazu gehören Investitionen in börsennotierte Unternehmen ebenso wie in Private Equity und Venture Capital. Langfristige Ersparnisse sollten stärker den Firmen zugutekommen, die innovativ sind, investieren und Arbeitsplätze schaffen. Pensionsfonds, langfristige Sparprodukte mit europäischem Schwerpunkt sowie geeignete regulatorische Rahmenbedingungen können hierzu beitragen.

Deutschland reformiert seine Altersvorsorge in die richtige Richtung. In Frankreich hat sich die Mitarbeiterbeteiligung über Jahrzehnte erfolgreich entwickelt. Wenn Beschäftigte zu Aktionären werden, profitieren sie unmittelbar von der Wertschöpfung ihres Unternehmens. Auch Oddo BHF lebt diesen Ansatz: Ein Viertel des Kapitals der Gruppe befindet sich im Besitz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn die entscheidende Frage lautet: Wem werden die europäischen Unternehmen von morgen gehören?

Fortschritt in der Krise

Jean Monnet hatte recht: Europa kommt in Krisen voran, indem es Lösungen entwickelt. Wenn wir Innovation fördern, unsere Sicherheit stärken und unsere Ersparnisse mobilisieren, können wir ein stärkeres, unabhängigeres Europa schaffen, das auch künftig wohlhabend, frei und Herr seines eigenen Schicksals bleibt.

Philippe Oddo

Über ODDO BHF

ODDO BHF ist eine unabhängige europäische Finanzgruppe, die in den Bereichen Private Wealth Management, Asset Management, Corporates und Investment Banking aktiv ist. Mit ihrem besonderen Unternehmergeist verwaltet die Gruppe aktuell rund 159 Milliarden Euro an Kundenvermögen und weist ein Eigenkapital von mehr als 1,2 Milliarden Euro auf. Im Jahr 2025 erwirtschaftete ODDO BHF ein Nettobankergebnis von 905 Millionen Euro. Mit etwa 3.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Frankreich und Tunesien, Deutschland und der Schweiz verfolgt die Gruppe eine konsequente europäische Strategie mit globaler Perspektive. ODDO BHF verfügt über eine einzigartige Aktionärsstruktur, die ihre Unabhängigkeit sichert und die Entwicklung nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen ermöglicht. Mit dem Ziel, eine Welt zu schaffen, in der jeder Tag neue Möglichkeiten bietet.

www.oddo-bhf.com

 

 

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