Im „Nebel des Krieges“ das Ziel nicht aus dem Blick verlieren

Blick auf die Kapitalmärkte
23.03.2026
4 Minutes
    Laurent Denize
    Laurent Denize
    Chief Investment Officer von ODDO BHF Asset Management & Global Co-CIO von ODDO BHF

Für Anleger ist es entscheidend, ihre langfristigen Ziele fokussiert im Blick zu halten und die sich durch kurzfristige Marktschwankungen bietenden Chancen zu nutzen.

Laurent Denize – Global Co-CIO ODDO BHF

Der jüngste militärische Schlagabtausch zwischen den USA, Israel und dem Iran hat sich rasch auf weitere Länder des Nahen und Mittleren Ostens ausgeweitet. Auf gezielte Angriffe der USA und Israels auf die politische und militärische Führung in Teheran antwortete Iran mit einer Serie von Vergeltungsaktionen. Besonders schwerwiegend waren Angriffe auf US-Militärstützpunkte, touristische Einrichtungen und vor allem auf die Energieinfrastruktur. Mit der Blockade der Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Engstellen für den globalen Öl- und LNG-Transport beeinträchtigt. Der sofortige Preissprung bei Öl und Gas zeigte, wie sensibel die Märkte auf die Möglichkeit von Versorgungsausfällen reagieren. Zu Beginn der dritten Kriegswoche notierte der Preis von Brent-Öl oberhalb der sensiblen Marke von 100 US-Dollar.

Trotz der geopolitischen Zuspitzung blieben die Kursverluste an den internationalen Aktienmärkten zunächst überschaubar, verstärkten sich aber, als die Sorge über einen längeren Konflikt die Ölpreise noch weiter nach oben trieb. Besonders betroffen waren Regionen wie Asien, insbesondere Südkorea, die stark von Energieimporten abhängig sind und damit anfällig für Preisschocks. Gleichzeitig zog die Nachfrage nach sicheren Häfen deutlich an: Der Goldpreis erreichte ein neues Rekordniveau, der US-Dollar wertete auf und die Renditen globaler Staatsanleihen stiegen infolge neuer Inflationssorgen. Staatsanleihen beendeten die erste Kriegswoche mit starken Verlusten. Damit wurde die Erwartung weiterer Zinssenkungen ausgepreist.

Einfluss militärischer Konflikte oft nur von begrenzter Dauer

Wie sich der Konflikt weiterentwickelt, bleibt offen. Historisch haben sich Kriege häufig länger hingezogen als zunächst angenommen. Für langfristig orientierte Anleger – als solche verstehen wir uns – ergibt es dennoch selten Sinn, Risiken vollständig zu meiden. Vielmehr gilt es, die sich aus volatilen Marktbewegungen ergebenden Chancen im Einklang mit den eigenen langfristigen Anlagezielen zu nutzen. Höhere Energiepreise belasten die Weltwirtschaft zweifellos. Ob sie eine Rezession auslösen können, hängt maßgeblich davon ab, wie lange sie auf wirtschaftlich schädlichen Niveaus verharren. Diese Faktoren dürften auch den Verlauf und die Dauer des Krieges beeinflussen. Zudem spricht die historische Erfahrung dafür, dass der Einfluss militärischer Konflikte auf die Aktienmärkte oft nur von begrenzter Dauer ist: In vielen Fällen normalisieren sich die Märkte etwa drei Monate nach Beginn eines kriegerischen Konflikts wieder. Im derzeitigen geopolitischen „Nebel des Krieges“ ist es für Investoren daher entscheidend, ihre langfristigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Solange der Konflikt regional und in seinen wirtschaftlichen Auswirkungen begrenzt bleibt, dürften die entscheidenden Treiber der Kapitalmärkte – technologischer Fortschritt, solide Unternehmensgewinne und eine unterstützende Geldpolitik – weitgehend intakt bleiben. Gleichzeitig wirken kurzfristig zusätzliche Faktoren, die das Wachstum stützen und die negativen Effekte des Iran-Kriegs ausgleichen: In der EU, besonders in Deutschland, entfalten umfangreiche öffentliche Investitionsprogramme Wirkung; in den USA sorgen Steuersenkungen für weitere Wachstumsimpulse. Die anhaltend hohe Investitionstätigkeit in künstliche Intelligenz bleibt zudem ein starker Treiber der Aktienmärkte.

Was die Inflation betrifft, so beschränken sich die Preissteigerungen gegenwärtig auf den Energiesektor. Auch die Inflationserwartungen laufen bislang nicht aus dem Ruder. Die US-Notenbank Federal Reserve dürfte dennoch vorerst mit weiteren Zinssenkungen warten – auch im Hinblick auf mögliche preistreibende Effekte neuer Handelszölle. Aufgeschoben heißt jedoch nicht aufgehoben: Die Geldpolitik bleibt grundsätzlich locker und unterstützend. Die Europäische Zentralbank agiert in einem ähnlichen Umfeld. Auch sie muss Energiepreise im Blick behalten, um einen Inflationsschock wie 2021 / 2022 zu vermeiden. Solange der Preisanstieg jedoch temporär bleibt und keine Zweitrundeneffekte sichtbar werden, ist eine Zinserhöhung in diesem Jahr eher unwahrscheinlich.

Kursrücksetzer nutzen

Inmitten der aktuellen geopolitischen Turbulenzen ist es für Anleger entscheidend, ihre langfristigen Ziele fokussiert im Blick zu halten und die sich durch kurzfristige Marktschwankungen bietenden Chancen zu nutzen. Für die Aktienanlage ist die Entwicklung der Öl  und Gaspreise ein zentraler Faktor für die Titelauswahl. Das spricht kurzfristig für US-Werte, die weniger von Energieimporten abhängig sind.  Auch wenn angesichts der hohen Bewertungen Korrekturen immer möglich sind, tendieren wir eher dazu, Kursrückgänge bei von uns favorisierten Werten für Zukäufe zu nutzen. Speicherchips bleiben attraktiv, da Rechenzentren enorme Mengen an DRAM (Dynamic Random Access Memory) und insbesondere hohe Speicherbandbreiten benötigen. Im Gegenzug könnten übermäßig abgestrafte Softwaretitel wieder einen Kauf Wert sein. Auch in Europa eröffnen sich Chancen in den von den Konjunkturprogrammen profitierenden Sektoren wie Infrastruktur und Verteidigung. Auch bei Banken scheinen uns europäische, weniger in Kreditfinanzierung für KI-Infrastruktur involvierte Institute attraktiver als US-Finanzwerte.

Im Rentensegment haben die Spreads von High-Yield-Anleihen begonnen sich auszuweiten. Das Investment-Grade-Segment zeigt sich resilienter. Während wir aufgrund der guten Fundamentaldaten Langläufer mit Investment-Grade-Rating konstruktiv sehen, sind wir bei langlaufenden Hochzinsanleihen vorsichtiger, da die Volatilität zugenommen hat und die Risikoprämien die Risiken kaum kompensieren. Aus Risiko-Rendite-Sicht gilt unsere Präferenz daher weiterhin  Investment-Grade- und High-Yield-Titeln mit kurzer Duration, da das Drawdown-Potenzial gering ist. Kurzfristig bevorzugen wir als Schutz vor geopolitischen Risikofaktoren den US-Dollar, wir planen jedoch, dieses Risiko durch den Kauf von EUR/USD-Call-Optionen zu begrenzen, für den Fall, dass der Konflikt schneller als erwartet beendet sein sollte.

Fazit

Diese Positionierung ist nicht in Stein gemeißelt und kann sich in einem hochvolatilen Umfeld schnell ändern. Langfristig hohe Energiepreise und eine Ausweitung bzw. ein nicht absehbares Ende der militärischen Auseinandersetzungen am Persischen Golf könnten Signale dafür sein, die Portfolios anzupassen. Noch ist dies nicht absehbar, aber im „Nebel des Krieges“ kommt es darauf an, sich nicht vorschnell festzulegen, sondern flexibel auf ein verändertes Umfeld zu reagieren.

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge und unterliegt im Zeitverlauf. Schwankungen. Die Performance kann bei Anlagen mit Fremdwährungsbezug infolge von Währungskursschwankungen steigen oder fallen. Schwellenländer können mehr politischen, wirtschaftlichen oder strukturellen Herausforderungen ausgesetzt sein als entwickelte Länder, woraus ein höheres Risiko entstehen kann

Wichtige Hinweise: ODDO BHF Asset Management ist die Vermögensverwaltungssparte der ODDO BHF-Gruppe. Es handelt sich hierbei um die gemeinsame Marke von drei eigenständigen juristischen Einheiten: ODDO BHF  Asset  Management SAS (Frankreich), ODDO BHF  Asset Management  GmbH (Deutschland) und ODDO BHF Asset Management Lux (Luxembourg).  Alle in diesem Dokument wiedergegebenen Einschätzungen und Meinungen dienen lediglich zur Veranschaulichung. Sie spiegeln die Einschätzungen und Meinungen des jeweiligen Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider und können sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung verändern, eine Haftung  hierfür wird nicht übernommen. Eine Wertentwicklung in der Vergangenheit darf nicht als Hinweis oder Garantie für die zukünftige Wertentwicklung angesehen werden. Sie unterliegt im Zeitverlauf Schwankungen. Es wird keine – ausdrückliche oder stillschweigende – Zusicherung oder Gewährleistung einer zukünftigen Wertentwicklung gegeben.  Im Vorfeld einer Investition in diese Vermögensklassen sind die Anleger ausdrücklich angehalten, sich detailliert mit den Risiken der Anlage in diese Vermögensklassen, insbesondere des Kapitalverlustes, vertraut zu machen. Die Investition muss mit den Anlagezielen, dem Anlagehorizont und der Risikobereitschaft des Anlegers in Bezug auf die Investition übereinstimmen

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    Laurent Denize
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